Klettersteige Gardasee
Variationen im Klettersteigrevier par excellence

„Rrrrt, Klick-klack“ fahren die beiden Sicherungskarabiner am Drahtseil entlang und werden am Fixpunkt in den nächsten Seilabschnitt umgehängt: Immer häufiger klingt das charakteristische Geräusch der Klettersteiggeher aus steilen Felsflanken und von ausgesetzten Zackengraten. Denn das durchgehende Drahtseil und die verbesserte Sicherungsausrüstung mit zwei leicht bedienbaren Spezialkararabinern und Seilbremse zum Auffangen eines eventuellen Sturzes ermöglichen heute Klettersteig-Genuss fast ohne Risiko. Wo sich früher Kletterer hochgezittert haben, greift man jetzt gesichert in rauen Kalk, stemmt sich am Drahtseil gegen glatte Platten oder tänzelt unbelastet von Höhenangst über aussichtsreiche Grate. Klettersteige vermitteln dem trittsicheren Wanderer und der Wandersfrau das abenteuerliche Gefühl des Kletterns in der Felswelt des Hochgebirges, ohne es wirklich können zu müssen.
Der moderne Klettersteig wurde im Ersten Weltkrieg erfunden. Damals standen sich die Jungnation Italien und das altersgraue k.u.k.-Reich Österreich-Ungarn an der tief zerklüfteten Alpenfront unter anderem am Gardasee gegenüber. Adlerhorsten gleich saßen sich die Stellungsposten über senkrechten Felswänden gegenüber. Wie konnte man sie versorgen, ohne dass der Gegner die Träger aus der Wand schoss? Der „Eisenweg“ mit gebohrten Stangen, Leitern und Drahtseil machte es möglich, sich in Verschneidungen und hinter Graten versteckt durch die Wand zu arbeiten: Die Via Ferrata war geboren und wurde nach dem Krieg für den Tourismus entdeckt.
Kriegs-Ferrata mit Tunneleinlage
Der Krieg war auch Bauherr einiger kurzer und bis mittelschwerer, kombinierbarer Klettersteige bei Biacesa, die jeder für sich genommen einen anderen Charakter haben. Hier lagen sich die Frontsoldaten drei Jahre lang auf Schussweite gegenüber. Damals durchlöcherten die österreichischen Pioniere die Cima Rocca (1089 m) wie einen Schweize
r Käse und bauten Stellungen auf dem vorgelagerten Felshorn der Cima Capi (909 m; mittelschwerer Sentiero Fausto Susatti), die 840 Meter hoch mit atemberaubendem Tiefblick überm Gardasee aufragt. Beide wurden überzogen und verbunden (Querung Sentiero Mario Foletti) mit einem Netz aus vor Feindsicht schützenden Felssteigen und Laufgängen, die heute zu Adventure-Trails mit Fun-Ferrata-Sektionen ausgebaut sind. Und 1000 Meter unterhalb brettern wie buntes Laub die Surfer über den türkisgrünen Lago di Garda. Skurril ist der bis auf den Gipfel der Cima Rocca leitende „Sentiero dei Camminamenti”: Er führt durch stockdunkle Bergtunnels, die die Mitnahme einer Stirnlampe erfordern, zu einem lohnenden Aussichtsgipfel. Wer hierher von Riva über die alte Ponalestraße und die Cima Capi aufgestiegen ist, der kann auf einem ausgesetzten, aber teils gesicherten Steig wieder zurückgehen.
Ausgesetzte Ferrata mit Eisenleitern
An der Bastione mit ihrem hoch über der alten Scaliger-Stadt Riva del Garda aufragenden Turm trifft man dabei auf den Zustieg eines weiteren, psychisch und konditionell anspruchsvolleren Klettersteig: Mit dem Einbohren der Via dell’ Amicizia 1972 wurde an der über Riva aufragenden Cima SAT („Spitze des Trentiner Alpenvereins“, 1276 m, 1200 Hm) erstmals eine rein Sport und Vergnügen dienende Version des Eisenwegs eröffnet. Wer auf 78 Metern Gardaseehöhe den Kopf ins Genick krümmt, glaubt nicht, dass dort ein technisch mittelschwerer Klettersteig nur an Drahtseilen hinaufzieht. Stimmt auch: Auf Eisenklammern und luftigen Eisenleitern von bis zu 70 Metern Länge überwindet man die glattesten Wandstellen. Zu luftig für manchen, der mit Gruseln von den Sprossen direkt auf den See hinabblickt und sich krampfhaft an den Sicherungen festhält. Da bietet das kontrastreiche Panorama am Gipfelkopf von der fruchtbaren Ebene des Sarcatals über den Gardasee zum gegenüber wie ein riesiger Walrücken aufragenden Monte Baldo (2217 m) eine wohlverdiente Entspannung. Während sich dort meist noch hartnäckig Schnee hält, grüßen am serpentinenreichen Abstiegsweg die Blumen.
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Bilder: pixelio.de







